Warum in der Pflege so wenige Frauen Chefin werden
Warum in der Pflege so wenige Frauen Chefin werden
Frauen plagen Selbstzweifel, Männer strotzen vor Selbstsicherheit. Ein Klischee? Leider nicht, meint Kathrin Leffler von Vivantes (Berlin) in unserem Interview .
In Deutschlands größtem kommunalen Klinikkonzern sitzen Frauen in Top-Positionen: Vorsitzende der Geschäftsführung ist Dr. Andrea Grebe, Geschäftsführerin Personalmanagement ist Corinna Jendges. Nur die Position Finanzmanagement wir in der Vivantes-Geschäftsführung von einem Mann (Dr. Eibo Krahmer) besetzt. Frauenförderung wird bei Vivantes groß geschrieben. Kathrin Leffler (54), Leiterin des Direktorats Pflegestrategie und Betreuungsmanagement bei Vivantes, ist also eine ideale Gesprächspartnerin, wenn es um Karrierechancen von Frauen in der Pflege geht.
pflegen-online: Heute gibt es mehr männliche Pflegedirektoren und Pflegedienstleitungen als noch in den 70ern oder 80ern. Das ist ganz gegen den Trend in anderen Branchen. Wie erklären Sie sich das?
In den 70er-Jahren war die Pflege ein fast reiner Frauenberuf, folglich hatten wir auch in Führungspositionen nur Frauen. Heute arbeiten in der Pflege rund 20 Prozent Männer.
Auch wenn heute jede fünfte Pflegekraft ein Mann ist – der Männeranteil in Pflegedirektionen und Pflegedienstleitungen scheint doch überproportional. Wissen Sie, wie hoch er ist?
Wenn ich mir unsere Treffen im Landesgruppenvorstand des Bundesverbands Pflegemanagement anschaue, dann sind wir zu etwa 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer.
Bei Männern scheint es nicht die üblichen Brüche – bedingt durch Kinder et cetera – zu geben. Sie bewegen sich steiler in Führungspositionen. Das war auch bei Vivantes zu beobachten: Als ich vor sechs Jahren hier anfing, gab es noch vier weibliche Pflegedirektorinnen und einen männlichen Direktor. Das ist dann gekippt, unter anderem, weil eine Direktorin in den Ruhestand gegangen ist und andere sich beruflich verändert haben. Ich war dann für eine Zeit die einzige Frau.
Haben Sie versucht, das zu ändern?
Wir wollten unbedingt wieder einen höheren Frauenanteil unter den Pflegedirektoren herstellen. Der gute Wille war da: Ich wurde als Sprecherin der Pflegedirektoren voll einbezogen in das Bewerbungsverfahren, ebenso unsere Gleichstellungsbeauftragte. Aber es waren eine Zeitlang keine geeigneten Bewerberinnen dabei. Die Männer waren tatsächlich besser qualifiziert.
Wir haben auch mögliche interne und externe Kandidatinnen direkt angesprochen, das ist Teil unseres Frauenförderplans. Zusätzlich nutzen wir Kongresse wie den Deutschen Pflegetag oder tauschen uns über unsere Netzwerke mit Kollegen in anderen Bundesländern aus. Es kommt doch immer wieder vor, dass eine Mitarbeiterin reif für den Karrieresprung ist, aber in dem Haus, in dem sie arbeitet, in absehbarer Zeit nichts frei wird.
Leicht ist es trotzdem nicht. Oft passt die familiäre Situation nicht. Es gibt immer wieder Abendtermine, die man als Pflegedirektorin wahrnehmen muss. Man ist gefordert, das muss man wollen. Wir achten bei Vivantes allerdings schon darauf, zumindest Wochenendtermine überschaubar zu halten.
Wir konnten dann eine sehr gute interne Bewerberin auf die Position vorbereiten. Sie traute es sich anfangs noch nicht zu und übernahm zunächst die Position kommissarisch. Es zeigte sich sehr schnell, dass sie diese hervorragend ausfüllt. Ein Jahr später bewarb sie sich dann aktiv auf eine vakante Stelle. Aktuell sind wir in der Runde der Pflegedirektoren wieder vier Frauen und zwei Männer.
Der Fall, den Sie gerade geschildert haben, entspricht dem, was viele beklagen: Frauen trauen sich bei gleicher Qualifikation weniger zu als Männer …
… ja, Frauen trauen sich mitunter wirklich nicht so viel zu, haben Selbstzweifel und hinterfragen sich häufig stärker. Männer dagegen strotzen nach meiner Erfahrung oft vor Selbstgewissheit. Bei uns bewerben sich einige Männer gleich nach der Ausbildung als Bereichsleiter oder stellvertretender Pflegedirektor. Oft haben sie dann eine duale Ausbildung mit Bachelorstudiengang absolviert, aber ihnen fehlt schlichtweg jegliche Berufs- und Führungserfahrung. Sie meinen, alles was sie noch an Kompetenz brauchen, würde man ihnen schon beibringen. Manche Frauen dagegen sind richtig gut und fragen sich noch immer, ob sie den Anforderungen gerecht werden.
Interessant ist ja auch, dass Frauen in Führungspositionen oft mehr arbeiten als Männer. Denn sie sind sehr bedacht darauf, nicht den Eindruck zu erwecken, ihre familiäre Situation als Ausrede zu nutzen. Männer hingegen, so meine Beobachtung, betonen gern, dass sie sich um ihre Kinder kümmern. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der zu spät zum Meeting kam mit der Entschuldigung, er habe seine Kinder noch in die Kita gebracht. Da waren alle ganz verzückt. ‚So ein toller Mann – wie der sich um seine Kinder kümmert‘, heißt es in solchen Situationen. Einer Frau mit der gleichen Entschuldigung, schlägt oft Skepsis entgegen. Wir Frauen sehen gar nicht, dass diese Reaktion Teil des Problems ist: Männer machen sich gar nicht den Druck, den wir uns machen, wenn es darum geht, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen.
Noch etwas ganz anderes zum Thema Gleichberechtigung: Warum lassen sich viele Krankenschwestern eigentlich noch immer mit Vornamen ansprechen?
Ja, das scheint sich zu halten. Ich glaube allerdings, dass die junge Generation schon konsequenter ist. Bei uns jedenfalls tragen alle Namensschilder mit Vor- und Nachnamen. Ich spreche, wenn ich auf Station gehe, auch alle Krankenschwestern mit Nachnamen an. Wir Führungskräfte müssen Vorbild sein. In unseren öffentlichen Sitzungen, sind „Schwester Birgit“ oder „Schwester Andrea“ auch tabu. Schon allein deshalb, weil in einem so großen Konzern viele Mitarbeiter denselben Vornamen tragen und somit gar nicht mehr eindeutig zuzuordnen sind.
Es sind bezeichnenderweise auch nur Frauen, die sich mit Vornamen ansprechen lassen. Pfleger stellen sich bei Patienten, Angehörigen und Ärzten häufig mit Nachnamen vor. Aber es werden zum Glück immer mehr Frauen, die es genauso machen und ich unterstütze das voll. Häufig kam das Argument, wenn der Nachname bekannt sei, könne man gestalkt werden – aber ich habe kaum von solchen Fällen gehört, das Argument scheint mir vorgeschoben.
Man darf auch nicht vergessen: Manche Patienten verlieren die Distanz, wenn sie die Krankenschwester mit Vornamen anreden dürfen. Die Schwelle für einen despektierlichen Umgangston bis hin zu Anzüglichkeiten wird gesenkt.
Auch ganz allgemein kann der Respekt leiden, wenn Frauen sich einseitig mit Vornamen ansprechen lassen: Neulich beklagte sich eine Mitarbeiterin bei mir über den „jungen Schnösel von Arzt“. Wie der mit ihr spreche, obwohl sie über 30 Jahre im Beruf sei. Auch da fördert es gegebenenfalls einen wertschätzenden kollegialen Umgangston, wenn sie genauso selbstverständlich Frau Schmidt wäre, wie er Herr Weber oder eben Sabine und Andreas, eben auf Augenhöhe.
Interview: Kirsten Gaede
Dieser Artikel wird bereitgestellt von unserem Medienpartner pflegen-online.de