“Führungskräfte sind aufgrund ihrer besonderen Schlüsselfunktion doppelt belastet”

Lara Luisa Eder untersucht die psychische Gesundheit von Pflegekräften. Im Interview spricht sie über die Schwierigkeit der Vermittlungs- und Vorbildfunktion als Führungskraft in der Pflegebranche.

Warum gibt es Ihrer Meinung nach mehr männlich besetzte Führungspositionen in der Pflege?

In kleineren Kliniken stellen die Männer nur fünf bis acht Prozent des Pflegepersonals, in Universitätskliniken sind es schon etwa 20%. Bei den Bewerbungen auf eine Führungsposition dreht sich die Quote um. Wenn ich eine Leitungspostionausschreibe, bewerben sich deutlich mehr Männer als Frauen. Jedes Mal denke ich mir dann: Das kann doch nicht wahr sein!

Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Ich habe beobachtet, dass Frauen sehr viel selbstkritischer sind. Sie stellen sich die Frage: Bin ich die Richtige für diese Leitungsfunktion? Werde ich den Aufgaben wirklich gerecht?

Männer dagegen sind da deutlich selbstbewusster und mutiger. Sie bewerben sich, obwohl die Stellenbeschreibung nicht unbedingt auf ihr Profil passt. So reagieren Männer auch deutlich schneller auf eine Ausschreibung.

Wollen Frauen überhaupt in der Pflegebranche Karriere machen?

Der Wunsch, eine Führungsrolle in der Pflege zu übernehmen ist nicht mehr so ausgeprägt wie früher. Kein Wunder. Denn wer eine Führungsrolle innehat, trägt eine hohe Verantwortung. Die Pflegedienstleistung in einer Uniklinik ist wie eine Chefin eines mittleren Familienunternehmens. Sie trägt Verantwortung für das Personal und für die Ausbildung, für die Qualität der Pflege. Daneben hat die Bürokratie in den letzten Jahren enorm zugenommen, z.B. aufgrund von vielfältigen Dokumentations- und Nachweispflichten.

Dann gibt es noch die Doppelbelastung durch die Familie …

Ja, ich habe erfahren, dass zum Beispiel Sitzungen immer noch am späten Nachmittag angesetzt werden, genau dann, wenn Frauen ihre Kinder von der Kita abholen und danach nach Hause müssen. Auch Führen in Teilzeit ist noch wenig verbreitet.

Wenn wir mehr Menschen – egal ob männlich oder weiblich – für Führungspositionen in der Pflege gewinnen möchten, müssen wir die Arbeitsbedingungen an die Lebenswirklichkeit der MitarbeiterInnen anpassen. Doch leider habe ich es auch erlebt, dass bei solchen Vorschlägen so mancher Vorstand die Augen verdreht …

Bei lauter Männern im Vorstand bzw. in der Klinikleitung haben es Frauen nicht so einfach, oder?

Ich habe zehn Jahre lang in einer Klinik in Hessen gearbeitet. Am Anfang hatte ich eine Entscheidung über eine wichtige Führungsposition im OP getroffen. Das hatte einigen der – damals noch ausschließlich – männlichen Chefärzte nicht gefallen. Ich wurde in die Chefarztkonferenz zitiert und musste meine Entscheidung verteidigen  – damals noch als einzige Frau vor 23 Männern.

Doch Sie haben sich durchgesetzt. Wie haben Sie das geschafft?

Ich war gut vorbereitet, hatte meine Entscheidung gut begründet und den Nutzen für das OP-Management  herausgestellt. So konnte ich meine Handlungsweise inhaltlich gut vertreten.

Lara Luisa Eder

Lara Luisa Eder ist Psychologin (Master of Science) und zertifizierter systemischer Coach. Als Psychologin und Wissenschaftlerin im Bereich psychischer Gesundheit von Pflegekräften weiß sie, wie wichtig die Stärkung von Teams und Mitarbeiter/-innen für ein erfolgreiches Miteinander und eine gesunde Arbeitshaltung in diesen Berufen ist. Nicht selten sind es vor allem Führungskräfte, die in ihrer besonderen Schlüsselposition gestärkt werden müssen.

Lara Luisa Eder ist Referentin des ersten Communitreffens am 21. Janaur 2021

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